Zigeuner – von Oswald Sigg – März 2018

Mit Wort und Bild teilt die Junge SVP des Kantons Bern mit: „Wir sagen NEIN zu Transitplätzen für ausländische Zigeuner. Millionenkosten für Bau und Unterhalt, Schmutz, Fäkalien, Lärm, Diebstahl, etc. Gegen den Willen der Gemeindebevölkerung“.

Das Bild: Ein grimmiger Bauer mit Sennenkäppli inkl. Schweizerkreuz hält sich die Nase zu. Im Hintergrund ist ein Roma an seiner ausländisch wirkenden Hautfarbe erkennbar, der neben einem Parkplatz voller luxuriöser Wohnwagen seine Notdurft verrichtet. Im Vordergrund stinkt ein Abfallhaufen mit leeren Weinflaschen, Bierbüchsen, Konservendosen und Kosmetikfläschli, einem Kothaufen und einem alten Pneu, still vor sich hin.

Es sind Wahlen im Kanton Bern. Das Plakat macht Furore. Damit würde sich die junge SVP „juristischen Ärger“ einhandeln, schreibt ‚20 Minuten’ treuherzig. Doch deswegen muss sich die junge SVP keine Sorgen machen. Denn der Justizdirektor, Christoph Neuhaus (SVP), plant konsequent die Einrichtung von genügend Standplätzen und wird dabei von seinem Kollegen, Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP), unterstützt: „Wohin soll die Polizei die Fahrenden denn bringen?“

Jenische, Sinti und Roma stossen mit ihrer „fahrenden“ Lebensweise in vielen Ländern auf Ablehnung. Obschon die Freizügigkeit in der EU auch und gerade sie betrifft. In der Schweiz sind diese Minderheiten in erster Linie durch die Bundesverfassung geschützt. Art. 8 lautet in Absatz 1: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Und Absatz 2 wird in Bezug auf die Fahrenden deutlicher: „Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.“

Ein Ursprung dieser hehren Grundsätze war die französische Revolution. Aber heute gelten sie für Roma, die meistens von Bulgarien und Rumänien nach Frankreich fahren und dort bleiben wollen, nicht. Dabei versuchen die Roma seit über 500 Jahren vor den Toren von Paris zu überleben. Im Grossraum der französischen Kapitale leben, inoffiziellen Schätzungen zufolge, 20‘000 Roma in Hunderten von Bidonvilles. Das sind Ansammlungen von selbstgefertigten Behausungen aus Abfallmaterialien, in denen diese Menschen mitten in Europa in tiefer Armut leben. In den meisten Fällen haben sie keine Adresse, keine Aufenthaltsbewilligung und nur ausnahmsweise die Möglichkeit, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Auch nach 500 Jahren noch versuchen die französischen Behörden immer wieder, diese Siedler, die man zwischen Autobahnen, auf Industriebrachen und alten Bahngeleisen oder auf sonst wie ungenutztem Land antrifft, zu vertreiben. Sie werden von der Polizei im Morgengrauen abgeholt, in Busse verfrachtet und irgendwohin gebracht, wo sie 14 Tage in einem kaputten Hotel verbringen und dann schmeisst man sie dort wieder raus. Und das Ganze beginnt von vorn. Während der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg wurden die Zigeuner – wie die Juden – mithilfe der französischen Polizei in die Vernichtungslager deportiert.

Das alles gilt es zu berücksichtigen beim Umgang mit den Fahrenden. Heribert Prantl hat 2016 in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ geschrieben: „Die Sinti und Roma sind die Minderheit in Europa, der es am dreckigsten geht: Sie sind Europas vergessenes Volk.“

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