Eine Fortsetzungsgeschichte … interviewt und geschrieben von FERI Mit-Wirkung – November 2018

Sieht Integration so aus? Arbeit JA, Lohn NEIN

«So sieht es mit der Arbeitsintegration tatsächlich aus. Die Wahrheit ist Arbeit JA, Lohn NEIN». Diese selbst verfassten Zeilen übergibt mir mein Interviewpartner zu Beginn des Gesprächs. Die IV wirbt mit dem Slogan Eingliederung vor Rente. Sicherlich ein sinnvoller Grundsatz, doch offenbar sieht die Realität für die Betroffenen anders aus.

Mir gegenüber sitzt ein Mann, der bereits vor vier Jahren von Oswald Sigg für Hälfte/Moitié porträtiert wurde. «Geschlossene Arbeit» zeichnet seinen Lebensweg nach, «Amtlich subventioniertes Lohndumping: Gratispersonal» zeigt die Hintergründe von Arbeitsversuchen auf.

Was hat er seither erlebt? Wie ist es weitergegangen? Verschiedene Tätigkeiten hat er in den letzten vier Jahren erledigt, seine Arbeitszeugnisse durchwegs positiv. «Wir erleben HH als stets aufmerksamen, zuvorkommenden und rücksichtsvollen Mitarbeiter. Seine Zuverlässigkeit, Präzision und Konstanz (…) ist vorbildlich und beeindruckt uns alle.» «HH haben wir als anständige, pflichtbewusste, kommunikative, aufgestellte und lernfähige Persönlichkeit kennengelernt. Die ihm übertragenen Arbeiten erledigte er stets motiviert, überlegt und sorgfältig.» Trotz solcher Worte ist HH nach wie vor nicht im ersten Arbeitsmarkt angekommen. Er hat keine unbefristete, feste Anstellung, die ihm den Lebensunterhalt sichert. Zurzeit beträgt sein Arbeitspensum 70%, dafür erhält er rund 1’600 Franken. Der Rest sind Rente und Ergänzungsleistungen. Trotzdem bleibt er unter dem Existenzminimum. Sein schriftlicher Kommentar: «Man sagt, jeder hat Recht auf Arbeit. Aber hat er nicht auch Recht auf Lohn für seine Arbeit, die er leistet?!»

Ich treffe einen Menschen, der Teil unserer Gesellschaft sein will und dabei seinen Arbeitsbeitrag leisten möchte. Trotzdem wird er seit 13 Jahren von Arbeitsversuch zu Arbeitsversuch geschoben. Ich erwarte von Integrationsprogrammen, dass sie den Menschen Sicherheit und eine Zukunftsperspektive geben, doch sehe ich nur Unsicherheit und Zweifel. Gesundheitlich angeschlagene Menschen müssen sich immer wieder an neue Umgebungen und Inhalte anpassen. Sie haben kein Mitspracherecht und müssen Entscheidungen über Ort und Einsatz akzeptieren. Mir stellt sich die Frage, was solche Arbeitsversuchsprogramme wirklich bringen. Die IV schreibt zwar, dass beim Arbeitsversuch Menschen an Unternehmen vermittelt werden, damit sie als angestellte Person ihre Kompetenzen unter Beweis stellen können und Arbeitgebende während höchstens sechs Monaten deren Fähigkeiten testen können. Jedoch steht nirgends, dass die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering ist, dass daraus eine Festanstellung mit einem existenzsichernden Einkommen resultiert. Es steht auch nirgends, dass die sechs Monate bei einem anderen Arbeitgebenden wieder von vorne beginnen und sich dieser Turnus immer weiter wiederholen kann. Der Kommentar von HH in seinem selbst verfassten Papier: «Jeder Betrieb hat Leute, die gratis arbeiten und bekommt dazu noch Geld zusätzlich, dafür dass er Leute bei sich gratis arbeiten lässt. Alle sechs Monate können die Gratisarbeitskräfte ausgetauscht werden und der Betrieb erhält von den neuen Gratisarbeitskräften wieder die Einarbeitungszuschüsse, Taggelder und Massnahmenbeiträge von den Sozialversicherungen. Und so läuft und läuft und läuft das ….»

Diese desillusionierte Sichtweise verunsichert mich. Der Bundesamt für Sozialversicherungen schreibt, dass Sozialfirmen Unternehmen sind, die zusätzlich zur wirtschaftlichen auch eine soziale Zielsetzung haben. Sie bieten Beschäftigungsmöglichkeiten und Qualifizierungsangebote für Menschen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur sozialen und beruflichen Integration. Eigentlich eine gute Idee. Zahlen zu Erfolgsquoten finde ich keine. Dafür finde ich Schlagzeilen wie «Sozialfirmen – Retter in der Not oder skrupellose Profiteure?» oder «So werden ganze Biographien ausgelöscht». Offenbar lässt sich mit der Situation von benachteiligten Menschen Geld verdienen. Die eigenen Erfahrungen haben meinen Interviewpartner ernüchtert und bald läuft sein befristeter Vertrag aus. Wie es weitergeht weiss er noch nicht. Er kommentiert zum Schluss: «Dabei generiert das System die Kosten und Defizite mit ihrem Turnussystem, in welchem immer mehr Menschen hin und her geschoben werden und deren Existenzgrundlage immer mehr gekürzt und minimiert wird und zum Leben schon lange nicht mehr reicht.»

Nachtrag: Kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels schrieb mir HH, dass sein Arbeitsvertrag um ein weiteres Jahr bei gleicher Entlöhnung verlängert wurde. Sein befristeter Vertrag läuft bis Ende September 2019.

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