Zur Adventszeit

Mein Einkaufszettel ist sehr lang, was bei einer vierköpfigen Familie ja auch kein Wunder ist. Die Tochter 12, der Sohn 14. Jeden Tag brauchen sie ein Znüni für die Pause. Und mein Sohn isst beinahe schon gleich viel wie mein Mann. Ich habe das Gefühl, dass ich jeden Monat mehr Lebensmittel benötige, um die ganze Familie satt zu kriegen. Aber mit den Esswaren ist es nicht getan. Auf meiner Liste stehen Waschmittel, Toilettenpapier, Duschgel und Deo. Auch diese Artikel sind im Haushaltsbudget nicht zu vernachlässigen.
Jetzt steht auch noch die Adventszeit an. Ich wünsche mir einen Adventskranz, damit zuhause ein bisschen festliche Stimmung herrscht. Damit wir uns zum Jahresende ein wenig Luxus gönnen können, habe ich versucht, jeden Monat 10 Franken vom Haushaltsgeld zur Seite zu legen. Meistens ist mir das auch gelungen. Nur im April nicht, da waren Ostern und ich wollte den Kindern gerne einen Schokoladenhasen kaufen. Und im Juli nicht. Da waren wir an einem Sommersonntag alle gemeinsam unterwegs und haben uns eine Glace gegönnt. Aber immerhin habe ich so 90 Franken zusammengespart.
Davon brauche ich 10 Franken, weil meine Tochter in der Schule «wichtelt». Das heisst, jedes Kind kriegt eine Klassenkameradin oder einen Klassenkameraden zugelost. Diesem soll man dann zweimal eine kleine Überraschung ins Pult legen und zum Schluss ein Geschenk. Alles zusammen im Wert von etwa 10 Franken.
Ich beschliesse auf den Adventskranz zu verzichten. Eine einzelne Kerze tut es doch auch und mir bleibt mehr von meinem Ersparten. Damit kann ich den Kindern zu Weihnachten vielleicht doch ein kleines Geschenk machen. Klar wünschen sie sich eigentlich ein Handy, aber sie wissen, dass das nicht möglich ist. Ich werde ihnen einen Kinogutschein kaufen. Damit sie ihre Freunde einmal an einem freien Mittwochnachmittag begleiten können, wenn diese ins Kino gehen. Das Kinoticket kostet 16 Franken, die Bustickets 5 Franken. Und vielleicht bleibt genug übrig, damit sie sich noch eine Cola bei McDonald’s leisten können.
Und eigentlich möchte ich meine Nachbarin in der Festzeit einmal zu Kaffee und Kuchen einladen. Wir haben ein gutes Verhältnis, halten ab und zu einen Schwatz im Treppenhaus und helfen uns gegenseitig mit den Kindern. Diesen Kontakt möchte ich gerne pflegen. Aber auch dafür braucht es wieder ein paar Franken extra.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Leben nur aus Rechnen und Abwägen besteht. Wo kann ich wieviel einsparen, damit es anderswo für alles Nötige reicht? Und im Januar muss ich schon wieder mit Rücklagen für die nächste Adventszeit beginnen. Es ist ein ewiger Kreislauf, der nie zu enden scheint!…

Diese Geschichte ist extrem und fiktiv, aber genau so könnte sie sich in der anstehenden Adventszeit abspielen. Denn nach Erhebungen aus dem Jahr 2015 gelten in der Schweiz 7% der Bevölkerung als arm und fast 15% als armutsgefährdet. Laut Bundesamt für Statistik gelten Menschen dann als arm, wenn sie nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um die für ein gesellschaftlich integriertes Leben notwendigen Güter und Dienstleistungen zu erwerben. Arm sein bedeutet also nicht nur, dass man sich nicht viel leisten kann. Armut bedeutet auch sozial ausgegrenzt zu sein. Und dies Tag für Tag und Jahr für Jahr, auch in der Weihnachts- oder in der Ferienzeit.

Bei der Recherche für diesen Artikel nach aktuellen Zahlen bezüglich Armut in der Schweiz bin ich auf Fakten gestossen, die mich einmal mehr betroffen machen. Beispielsweise kann sich jede zehnte Person in der Schweiz nicht einmal eine Woche Ferien pro Jahr leisten. Ausserdem waren bei einer Erhebung vor einigen Jahren über 20% der Schweizer Bevölkerung nicht in der Lage, innerhalb eines Monats eine unerwartete Ausgabe von 2000 Franken zu tätigen. Und eine solche Ausgabe kann für jeden unverschuldet anstehen. Als typisches Beispiel dafür denke ich sofort an eine Zahnarztrechnung. Vielleicht längere Zeit auf die jährliche Kontrolle (eine vermeidbare Ausgabe) verzichten und plötzlich lässt sich der Zahnarztbesuch nicht mehr aufschieben und als Folge muss eine grosse Rechnung bezahlt werden.

Im Jahr 2015 betrug die Armutsgrenze für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern 3984 Franken. Jeder kann sich vorstellen, dass bei diesem Betrag die Wohnungsmiete nicht zu hoch sein darf und unerwartete Ausgaben Angst machen. Und dazu die Bedenken, welche Zukunft die Kinder erwartet. Nur selten gelingt Kindern aus sozial benachteiligten Familien das Entkommen aus dem Milieu der Eltern. Und auch die Schule vermag die ungleichen Herkunftsverhältnisse nicht auszugleichen.

Armut ist ein komplexes Thema. Es betrifft Bildung, Wirtschaft, Wohnraum, Familien und Steuerpolitik. Ein Satz dazu auf www.watson.ch ist mir besonders in Erinnerung geblieben: «Armut hat keine Lobby». Deshalb wünsche ich mir, dass wir es mit unserer Webseite immer wieder schaffen, der Armut wenigstens ein Gesicht und eine Stimme zu verleihen.

1 Kommentar zu "Zur Adventszeit"

  1. Martin Köchli | 5. Dezember 2017 um 8:34 |

    Da glauben wir an eine Geschichte und an einen Gott, der sich in einer Armutsgeschichte manifestiert und sich mit den Ärmsten solidarisiert und verhalten uns als christlich sein wollende Gesellschaft wie Un- Menschen, denen das Schicksal der Mit- Menschen egal ist. Den Reichen und Starken die Kappe putzen und ihnen ins Gewissen reden – wie weiland der Heiland – bleibt wohl Daueraufgabe. Damit wir nicht bei dem Menschentyp landen, der sagt, er habe ein sauberes Gewissen er habe es noch nie gebraucht…

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