Surprise! – von Yvonne Feri – März 2018

Surprise! Von Yvonne Feri, Nationalrätin, Präsidentin VfsG

Seit vielen Jahren gehört sie für mich zum Alltag. Jede Woche, wenn ich einkaufe, steht sie vor dem Geschäft und hält ihre Zeitschrift in die Höhe. Vor einigen Jahren stand sie noch im warmen Eingang, später unter dem schützenden Vordach, heute auf der Treppe, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt ist. Jedes Mal grüsst sie mich freundlich. Und ich frage mich, was für eine Geschichte sie wohl hat. Ihre Haut ist dunkel und ich stelle mir vor, dass sie ihre Heimat verlassen musste und sich in der Schweiz eine neue Existenz aufzubauen versucht. Unermüdlich steht sie Tag für Tag da und verkauft ihre Zeitschrift. Surprise!

Die Zeitschrift
Sie alle kennen sicher diese Zeitschrift. Und Sie alle kennen sicher eine Ecke, wo immer der gleiche Verkäufer oder die gleiche Verkäuferin anzutreffen ist. Oder Sie waren auch schon im Berner Bahnhof, beim Zugang zu den Geleisen hört man regelmässig den Ruf «Surprise»!
Aber haben Sie sich auch schon einmal Gedanken gemacht, was hinter dieser Zeitschrift steckt? Sie hat bereits eine über zwanzigjährige Geschichte. Ursprung war eine in Basel gegründete Strassenzeitung namens «Stempelkissen». Heute ist Surprise ein Magazin mit professioneller Redaktion, welches alle 14 Tage erscheint. Es hat eine Auflage von 22’000 Exemplaren und wird an über 100 Standorten angeboten. Das Strassenmagazin hat es sich zur Aufgabe gemacht, unabhängig und kritisch über Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur zu berichten. Im Fokus liegen nach eigener Aussage Geschichten von der Strasse, über die Strasse und für die Strasse.

Die Verkäufer und Verkäuferinnen
Die Verkäufer und Verkäuferinnen erwerben die Zeitschrift für CHF 3.30 pro Exemplar. Davon fliessen 30 Rappen auf das AHV-Konto des Verkäufers, 3 Franken gehen an die Produzenten des Magazins. Verkauft wird die Zeitschrift für 6 Franken. Das macht einen Gewinn für 2.70 pro Exemplar für den Verkäufer, die Verkäuferin. Wie viele davon wohl an einem Tag verkauft werden? Sicher hängt diese Zahl stark vom Standort ab. Oft beobachte ich auch, dass Passanten den VerkäuferInnen Geld zustecken und auf das Heft verzichten. Fragen Sie sich manchmal auch, was für Persönlichkeiten sich hinter den VerkäuferInnen verbergen? Auf der Seite von Surprise finden Sie bewegende Porträts von verschiedensten Menschen, die das Magazin verkaufen. Diese Arbeit gibt ihnen eine Tagesstruktur, bringt sie in Kontakt mit Kunden und ermöglicht ihnen selbständig einen Verdienst zu erwirtschaften. Surprise schreibt auf ihrer Webseite, dass diese Aufgabe das Selbstvertrauen von Menschen stärkt, die keinen oder einen eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt haben.

Weitere Angebote
Neu bietet Surprise auch Stadtrundgänge an. In Bern gibt es beispielsweise die Tour «In der Armutsfalle». Dort führen Sie Betroffene zu verschiedenen Stationen und Angeboten, die ihnen in ihrer Situation geholfen haben. Warum nicht einmal teilnehmen und Bern aus einem anderen Blickwinkel sehen? Die Touren gibt es übrigens auch in Basel und Zürich.

Andere Angebote unter dem Dach von Surprise sind ausserdem Café Surprise, Strassenfussball und der Strassenchor. So können Menschen gemeinsam Energie tanken, die Verbindung durch Musik oder die Zugehörigkeit zu einem Team erleben, ohne dass damit grosse finanzielle Aufwände verbunden sind. Ein sinnvoller Beitrag gegen die Ausgrenzung von Armutsbetroffenen!

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