Von der Scham Sozialhilfe zu beziehen

von Urs Berger, März 2020

Neulich traf ich einen alten Kollegen wieder. Wir haben uns lange nicht gesehen und wussten uns so einiges zu erzählen. Dabei kamen wir auch auf das Thema Sozialhilfe zu sprechen. Wie das Leben so will, erzählte er mir von seiner Scham, sich bei der Sozialhilfe anzumelden.
Es war ein lauschiger Abend an jenem Herbsttag irgendwann im Oktober des vergangenen Jahres. Mein Kollege und ich sassen im Gartenrestaurant, erzählten uns was seit unserem Treffen vor etwa drei Monaten alles geschehen war. Von diesem letzten Treffen wusste ich noch, dass er bald ausgesteuert sein würde. Trotz guten Arbeitszeugnissen und einem ehemaligen Arbeitgeber, welcher ihm gute Referenzen gab, hatte er damals noch keine Stelle. Dennoch hoffte er darauf, bald eine zu finden. »Wieso sollte ich keine neue Arbeit finden? Ich bin sprachbegabt, kenne mich mit den neusten Techniken im PC- und Netzwerk Support aus und habe die nötige Weiterbildung absolviert. Zudem habe ich im letzten Jahr auf eigene Rechnung weitere Microsoft Schulungen im PC- und Server Bereich absolviert und die nötigen Zertifikate erhalten.«
Ein Quartal später sass er mir gegenüber. Ein grossgewachsener Mann, schlank, blonde Haare, grün-braune Augen welche hinter einer Harry Potter Brille traurig blickten. Fast ausdruckslos erzählte er mir, wie er sich aktuell fühle. In seiner Stimme schwang Resignation. Leicht wütend sagte er: »Nein, ich habe immer noch keine neue Stelle. Immer wieder höre oder lese ich den gleichen Satz. `Vielen Dank für Ihre Bewerbung. Trotz ihres interessanten Werdegangs müssen wir ihnen leider mitteilen, dass wir einem anderen Kandidaten den Vorzug gegeben haben. Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserer Firma und wünschen Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Stellensuche.` Welcher Hohn. Sie sollen lieber ehrlich sein und schreiben, dass ich mit meinen 49 Jahren zu alt für sie bin. Dies wäre wenigstens ehrlich!«
Ich hacke nach. Frage, ob die neuen Zertifikate nicht geholfen hätten. Seine Antwort war für mich nichts neues. »Die Lehrlinge schliessen diese bereits in der Lehre ab. Sie erhalten diese nicht wie ich als Zertifikat, sondern sind in der Ausbildung miteingeschlossen. Ich habe keine Chance, an ihnen vorbei zu kommen. Obwohl ich über 25 Jahre Erfahrung in diesem Beruf mitbringe
Was er vorhabe um nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, fragte ich meinen Kollegen. Seine Antwort irritierte mich. »Wieso Sozialhilfe? Ich will doch nicht als Schmarotzer bezeichnet werden. Oder gar als minderwertiger Mensch gelten. Und dann die ständige Kontrolle der Gemeinde, ob ich wirklich alles unternehme, um wieder eine Stelle zu finden. Wenn ich nicht genügend Bewerbungen schreibe, eine Mietzahlung oder sonst etwas andere vergesse zu zahlen, muss ich um eine Kürzung meiner Sozialhilfe fürchten. Nein, da verzichte ich lieber
Wie bitte? Ich sage zu ihm, dass er dazu das Recht habe. Er solle sich doch anmelden. Nein, das wolle er nicht. Erneut versuche ich ihn zu überzeugen. Dann, nach langer Diskussion gesteht er mir, dass er sich schäme. Er wolle doch der Gesellschaft nicht zur Last fallen. Mir dreht sich fast der Magen um bei dieser Antwort. So weit sind wir in der Schweiz, dass sich jemand schämen muss, wenn er oder sie Sozialhilfe braucht. Leider ist dies keine Seltenheit.
Im Kanton Genf wurde eine Befragung durchgeführt. Die Befragenden hatten zu Beginn Mühe, Teilnehmende zu finden. Durch feines Gespür und viele Gespräche konnten sie einige Armutsbetroffene befragen, wieso sie auf Sozialhilfe verzichten. Die Mehrheit der Befragten schilderten dasselbe wie mein Kollege. Sie wollten unabhängig sein, sich nicht vorschreiben lassen, was sie zu tun hätten und was nicht.
Viele gaben zu, dass sie sich lieber das Geld zum Leben bei Bekannten, Verwandten oder sonst wo auftreiben, als den Gang auf das Sozialamt anzutreten. Aus Stolz, Scham, Repressionen und dem ewigen Stigma, SozialhilfeempfängerIn zu sein.
Wie schrieb eine Zürcher Blogger neulich? »Wer Sozialhilfe bezieht, ist per se ein Verbrecher. Er ist entweder ein Sozialhilfeschmarotzer, zu bequem zum Arbeiten, liegt lieber in der Hängematte und zockt so den Staat ab. Die Zahlen belegen etwas anderes. Nur zirka 1% nutzen unser Sozialsystem aus. die restlichen 99% verhalten sich korrekt. Wegen diesem einen Prozent wird der Rest stigmatisiert. Das ist das eigentliche Problem der Sozialhilfe. Die Überwachung, die Unterstellung ein Verbrecher zu sein. Die Sozialhilfe ist schon lange nicht mehr sozial und mit Hilfe hat sie nichts mehr zu tun.«
Zurück zum Gespräch mit meinem Kollegen. Am Ende verabschiedete er sich mit den Worten: »Ich habe den Glauben an eine soziale Schweiz aufgegeben. Ich bringe die Kraft nicht mehr auf, weiter eine Stelle zu suchen. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels.«  Wer ihn kennt, weiss, dass dieser Mensch gebrochen wurde. Gebrochen, von einem System, das nicht mehr für die Schwächsten einsteht, sondern diese im Regen stehen lässt. Der Optimierung der Gewinne für Grosskonzerne und deren CEO`s sei Dank.

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